- Humanitäre Hilfe
Wenn eine Katastrophe zuschlägt, tragen Menschen mit Behinderungen das höchste Risiko – zu spät gewarnt, zu weit von Notunterkünften entfernt, zu wenig Beachtung. Dabei ist das kein unabwendbares Schicksal, sondern eine Frage der Planung. Wir zeigen anhand echter Geschichten aus Mosambik, welche vier Hebel wirklich helfen, damit niemand zurückbleibt.
Als der Zyklon Idai über Mosambik hereinbricht, verliert Mussa in einer einzigen Nacht sein Haus. Weil er sich aufgrund einer körperlichen Behinderung nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann, bleibt er zurück, während andere flüchten. „Ich habe Kinder, aber es interessiert sie nicht, ob ich am Leben bin“, erzählt er uns später. „Ich könnte genauso gut tot sein.“
Geschichten wie diese verdeutlichen ein strukturelles Problem: Menschen mit Behinderungen werden in Katastrophen viel zu oft übersehen – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil Nothilfe selten für sie mitgedacht wird.
Zahlen, die erschrecken
Die Zahlen dahinter sind erschütternd. Laut UN sterben Menschen mit Behinderungen bei Katastrophen bis zu viermal häufiger als andere Betroffene. In Cabo Delgado in Mosambik machten sie 2024 sogar über 30 Prozent aller Krisenbetroffenen aus – deutlich mehr, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Weltweit benötigen aktuell rund 48 Millionen Menschen mit Behinderungen humanitäre Hilfe, 80 Prozent von ihnen leben im Globalen Süden.
Gemeinsam mit 40 Betroffenen mit Behinderungen in Mosambik haben wir nach dem Zyklon Idai untersucht, woran das liegt – und was Organisationen und Regierungen konkret tun können, damit Nothilfe wirklich alle erreicht. Vier Punkte machen dabei den größten Unterschied.
Wie kann inklusive Nothilfe funktionieren?
1. Informationen müssen alle erreichen
Notfälle wie Zyklone oder Überschwemmungen kündigen sich oft vorab an. Die Zeit davor muss genutzt werden, um zu warnen – doch viele Frühwarnsysteme denken nicht mit, dass nicht alle Menschen Informationen gleich empfangen können:
- Menschen mit einer Sehbehinderung erreichen visuell aufbereitete Informationen nicht.
- Nicht alle Menschen mit Sehbehinderungen können die Blindenschrift Braille lesen.
- Menschen mit Hörbehinderungen hören keine Alarmglocken oder können Inhalte aus dem Fernsehen und Radio nicht aufnehmen, sofern diese nicht mit Untertiteln oder Gebärdensprache versehen sind.
- In vielen afrikanischen Ländern sprechen zahlreiche Menschen nicht die Amtssprache. Vor allem Frauen und Menschen mit Behinderungen haben aufgrund ihres Bildungsstatus große Nachteile.
Luisa Franciscos Kinder leben mit einer Hörbehinderung. Weil die Warnungen vor dem Zyklon Idai nur akustisch verbreitet wurden, erfuhr die Familie erst mitten in der Nacht davon, als das Dach über ihnen weggerissen wurde. Sie hatten Glück und flüchteten zu Nachbar*innen.

Luisas Situation und die ihrer Kinder zeigt, dass barrierefrei aufbereitete Inhalte in unterschiedlichen Sprachen und gezielte mündliche Informationsweitergabe im richtigen Moment Leben retten können.
2. Notunterkünfte müssen erreichbar und ausgestattet sein
Selbst die beste Warnung nützt nichts, wenn der Weg in Sicherheit versperrt ist. Notunterkünfte müssen gut positioniert, Zugangswege frei von Hindernissen sein – und die Ausstattung vor Ort, etwa sanitäre Anlagen, muss den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen entsprechen.
Francisco Alfazema und seine Familie schafften es nach Idai nicht in eine Notunterkunft: Der Weg war zu weit, die nächstgelegene Schule zerstört.
Francisco Alfazema, Überlebender Wir konnten nicht zu den Notunterkünften gehen, denn sie waren zu weit weg. Die nahegelegenen Schulen, wo wir Unterschlupf gefunden hätten, waren alle zerstört. Wir konnten nirgends hin, weshalb wir bei unserem zerstörten Haus geblieben sind.
Hinzu kommt: Viele Menschen mit Behinderungen, auch Francisco und seine Familie, sind im Alltag auf ein Netzwerk aus Nachbar*innen, Pfleger*innen und Verwandte angewiesen – das nach einer Flucht erst mühsam neu aufgebaut werden muss.

3. Vorurteile dürfen nicht zusätzlich isolieren
In vielen Gemeinschaften wird eine Behinderung als Bedrohung oder Last wahrgenommen. Betroffene erfahren also genau dann Diskriminierung, wenn sie Unterstützung brauchen. In dem Moment, wo Zusammenhalt und Rücksichtnahme über Leben und Tod entscheiden kann.
Diese Erfahrung machte auch Mussa, dessen Geschichte diesen Artikel eröffnet – sogar innerhalb seiner eigenen Familie. Er verlor sein Haus während des Zyklons. Doch wegen seiner körperlichen Behinderung konnte er nicht fliehen und Hilfe holen.

Aufklärungsarbeit in der Gemeinschaft, etwa durch spirituelle Führer*innen, Gemeindebeamt*innen oder Medien, schafft mehr Verständnis und verhindert, dass Behinderung zur zusätzlichen Gefahr wird. Besonders gefährdet sind dabei Frauen und Mädchen mit Behinderungen: Sie tragen in Krisensituationen ein deutlich erhöhtes Risiko, Opfer sexualisierter und häuslicher Gewalt zu werden – eine doppelte Diskriminierung, die noch viel zu selten mitgedacht wird.
4. Menschen mit Behinderungen müssen in den Daten sichtbar werden
Wer nicht erfasst wird, wird bei der Planung von Evakuierungsrouten, Frühwarnsystemen oder Notunterkünften schlicht vergessen.
Wir sehen einen Anstieg humanitärer Krisen in den afrikanischen Ländern, in denen wir arbeiten. Menschen mit Behinderungen scheinen wie ältere Menschen in Daten oft nicht auf.
Jacqueline Bungart, Expertin für inklusive Humanitäre Hilfe bei Licht für die Welt
Mit dem „Survey for Inclusive Rapid Assessment“ (SIRA) haben wir gemeinsam mit der mosambikanischen Dachorganisation FAMOD ein datenbasiertes Werkzeug entwickelt, dass die Datenlage von Menschen mit Behinderungen in der Katastrophenhilfe grundlegend verändern könnte. Das Open-Source-Tool wird auch von Screenreadern genutzt und ermöglicht Helfer*innen, schnell die richtigen Daten zu sammeln. So können Notfallmaßnahmen auch Menschen erreichen, die sonst zurückbleiben würden.

Das Tool soll humanitären Organisationen helfen, Barrieren für Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen frühzeitig zu erkennen – bevor eine Katastrophe eintritt, nicht erst danach.
Unser Einsatz zeigt Wirkung
Der Wandel ist möglich – und er passiert bereits. In Afrika und im Pazifik verdoppelte sich der Anteil von Menschen mit Behinderungen, die aktiv in Entscheidungsprozesse zu Katastrophenschutz und Krisenvorsorge einbezogen werden, in den letzten zehn Jahren: von rund 10 Prozent im Jahr 2013 auf etwa 20 Prozent im Jahr 2023. Das ist noch lange nicht genug, aber es zeigt: Inklusive Nothilfe lässt sich Schritt für Schritt umsetzen – wenn der politische Wille und die richtigen Werkzeuge da sind.
Und genau das treibt uns an: Menschen mit Behinderungen nicht nur als Empfänger*innen von Hilfe zu behandeln, sondern von Anfang an als Expert*innen in eigener Sache einzubeziehen.
Katastrophenschutz, der Menschen mit Behinderungen nicht von Anfang an mitdenkt, funktioniert nicht für alle. Das ist keine Frage des Schicksals, sondern eine Frage der Planung.
Christine Steger, Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen
Niemand darf zurückbleiben
„Inklusion stellt sicher, dass niemand zurückgelassen wird. Fehlt Inklusion, läuft die humanitäre Hilfe Gefahr, sehr viele Menschen zu übersehen“, sagt Jacqueline Bungart. Katastrophenschutz funktioniert nur dann wirklich, wenn er für alle funktioniert – auch für die 15 Prozent der Weltbevölkerung, die mit einer Behinderung leben.