- Behindertenrechte
Gebärdensprachen sind weit mehr als eine Möglichkeit, sich ohne gesprochene Worte zu verständigen. Sie sind vollwertige, natürliche Sprachen mit eigener Grammatik, eigenen Regeln und einer faszinierenden Vielfalt. Kennst du diese drei Fakten?
Wenn wir an Sprache denken, denken wir meistens an gesprochene Wörter. Doch Sprache kann auch ganz anders funktionieren: mit den Händen, dem Gesicht, dem Körper und den Augen. Die Rede ist von Gebärdensprachen! Sie funktionieren nicht über Lautsprache und Hören, sondern vor allem über visuelle Kommunikation.
Für viele gehörlose Menschen ist eine Gebärdensprache ihre Erstsprache. Sie ermöglicht ihnen, sich auszudrücken, zu lernen und mit anderen zu kommunizieren. Wichtig dabei: Nicht alle gehörlosen Menschen verwenden eine Gebärdensprache – welche Sprache ein Mensch nutzt, hängt von seiner individuellen Lebenssituation ab.
Die sichtbaren „Wörter“ einer Gebärdensprache nennt man Gebärden. Doch Gebärdensprachen bestehen nicht einfach aus einzelnen Handzeichen. Sie haben – wie Lautsprachen auch – eine eigene Grammatik und einen eigenen Satzbau.
Bis heute wissen viele Menschen wenig darüber, wie Gebärdensprachen eigentlich funktionieren. Wusstest du zum Beispiel, dass es nicht „die eine“ Gebärdensprache gibt? Oder dass auch Gebärdensprachen Dialekte und Jugendsprache haben? Wir haben drei spannende Fakten über Gebärdensprachen für dich zusammengestellt, die du vielleicht noch nicht kennst.
Fakt Nr. 1: Gebärdensprache ist nicht auf der ganzen Welt einheitlich
Viele Menschen wissen nicht, dass es nicht die eine Gebärdensprache gibt. Weltweit gibt es zahlreiche verschiedene Gebärdensprachen. Sie haben eigene grammatische Strukturen und können sich deutlich voneinander unterscheiden.
In Österreich gibt es die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS). Sie ist eine eigenständige, natürliche Sprache und seit 2005 in der österreichischen Bundesverfassung als eigenständige Sprache anerkannt.
Die ÖGS ist auch nicht einfach eine „Version“ der deutschen Lautsprache. Ebenso ist sie nicht mit der Deutschen Gebärdensprache (DGS) gleichzusetzen. Wer die ÖGS beherrscht, versteht deshalb nicht automatisch die DGS – genauso wenig, wie jemand, der Deutsch spricht, automatisch Italienisch versteht.
Gebärdensprache ist also nicht international einheitlich – und genau das macht sie auch zu einem wichtigen Teil von Sprache, Kultur und Identität.

Fakt Nr. 2: Auch in Gebärdensprachen gibt es Dialekte und Jugendsprache
Gebärdensprachen sind lebendige Sprachen. Und wie bei Lautsprachen gibt es auch hier regionale Unterschiede, Dialekte und Soziolekte.
Menschen aus unterschiedlichen Regionen können dieselbe Sache mit unterschiedlichen Gebärden ausdrücken. Auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft verändert sich Sprache ständig: Verschiedene Generationen verwenden teilweise unterschiedliche Gebärden, und Jugendliche entwickeln neue Ausdrucksformen.
Das kennst du vielleicht auch aus deiner eigenen Sprache: Wörter kommen hinzu, andere verschwinden oder bekommen eine neue Bedeutung. Sprachen verändern sich – und Gebärdensprachen sind da keine Ausnahme.
Fakt Nr. 3: Die Gebärdensprache hat keine*n Erfinder*in
Eine Gebärdensprache wurde nicht irgendwann von einer einzelnen Person erfunden. Gebärdensprachen entstehen und verändern sich innerhalb von Gemeinschaften ganz natürlich. Sie entwickeln sich dort, wo Menschen miteinander kommunizieren – über Generationen hinweg.
Das gilt auch für Länder, in denen eine Gebärdensprache bisher nur wenig dokumentiert oder institutionell verankert ist.
Ein Beispiel dafür ist der Südsudan. Dort wurden unterschiedliche Gebärden verwendet, unter anderem aus Kenia und Uganda sowie arabische und lokale Gebärden. Gemeinsam mit der gehörlosen Community vor Ort sammelte Licht für die Welt mehr als 800 Gebärden. Daraus entstand ein Gebärdenlexikon, das laufend erweitert wird. Es wurden Gebärden aller Ethnien aufgenommen, wodurch die Sammlung zu einem friedlichen Zusammenleben beiträgt und die Gemeinschaft der gehörlosen Sudaneser*innen gestärkt wird.

Inzwischen gibt es im Südsudan auch ein Ausbildungszentrum für Gebärdensprache, das unter anderem Lehrkräfte, Polizist*innen, Richter*innen und Parlamentsmitglieder in südsudanesischer Gebärdensprache ausbildet.
Das zeigt: Eine Sprache lebt davon, dass Menschen sie verwenden, weitergeben und weiterentwickeln. Gebärdensprachen sind deshalb weit mehr als eine Sammlung von Handzeichen – sie sind lebendige Sprachen, die Menschen verbinden.
Warum der Internationale Tag der Gebärdensprachen wichtig ist
Der 23. September ist der Internationale Tag der Gebärdensprachen. Die Vereinten Nationen haben ihn 2017 offiziell ausgerufen. Der Tag macht weltweit auf die Bedeutung von Gebärdensprachen und auf die Rechte gehörloser Menschen aufmerksam.
2026 steht die Internationale Woche der Gehörlosen unter dem Motto „Declaring Deaf People’s Human Rights“. Im Mittelpunkt stehen die Menschenrechte gehörloser Menschen und der gleichberechtigte Zugang zu nationalen Gebärdensprachen.
Denn eine Sprache zu verstehen und verwenden zu können, ist mehr als eine Frage der Kommunikation: Sprachliche Zugänglichkeit schafft Möglichkeiten für Bildung, Information, Teilhabe und Selbstbestimmung.