- Augengesundheit
Während Katarakt hierzulande meist als Erkrankung älterer Menschen bekannt ist, kommt Grauer Star auch bei Kindern in vielen Regionen Afrikas immer wieder vor. Auch die 9-jährige Alemtsehay Setu aus Äthiopien war davon betroffen. Ihre Geschichte zeigt, wie entscheidend Gesundheit für Bildung und Teilhabe ist – und wie Mut, Entschlossenheit und Unterstützung vor Ort ein Leben verändern können.
Der erste Schultag ist für die meisten Kinder ein aufregender Moment: Sie wollen lernen, entdecken, Freund*innen finden und die Welt erforschen. Für Alemtsehay Setu, ein 9-jähriges Mädchen aus einem kleinen Dorf in der Amhara-Region in Äthiopien, begann die Schulzeit jedoch mit einer unsichtbaren Herausforderung.
Als die Welt immer kleiner wurde
Alemtsehay Setu führte bis zu ihrem sechsten Lebensjahr ein glückliches Leben im Kreis ihrer Familie. Ihr Vater, Priester Setu Naga, arbeitet als Landwirt und verwaltet die örtliche Kirchen-Gemeinde im Distrikt Armachiwo. Er arbeitet hart, um seine Familie zu versorgen – und träumt wie jeder Vater davon, dass seine Kinder eine bessere Zukunft haben.
Als Alemtsehay Setu sechs Jahre alt war und in die Schule kam, bemerkten ihre Eltern, dass etwas nicht stimmte.
Sie konnte die Tafel aus der Ferne und irgendwann auch aus der Nähe nicht mehr erkennen. Schließlich hörte sie ganz auf, zur Schule zu gehen.
Vater von Alemtsehay Setu
Was mit verschwommenen Buchstaben begann, endete in Dunkelheit. Ohne zu wissen warum, verlor Alemtsehay Setu immer mehr von ihrem Augenlicht. Die Familie ahnte nicht, dass sie am Grauen Star litt – einer Erkrankung, die unbehandelt zur Erblindung führen kann.
Leben mit Grauem Star – Isolation statt Welt erkunden
Mit jedem Tag wurde Alemtsehay Setu abhängiger von anderen. Sie konnte nicht mehr mit ihren Freund*innen spielen, nicht mehr allein wohin gehen. Selbst alltägliche Dinge wie Essen oder der Gang zur Toilette waren nur noch mit Hilfe möglich.

Im Dorf stieß die Familie nicht auf Verständnis. Statt Unterstützung hörten sie Vorwürfe und Aberglauben. Doch Priester Setu Naga weigerte sich, diese Erklärungen zu akzeptieren.
Ein Vater, der nicht aufgibt
Er ist überzeugt: Die Krankheit seiner Tochter hat eine medizinische Ursache. Im Gondar University Referral Hospital in der Stadt Gondar bekam auch sein älterer Sohn bereits Hilfe wegen Sehproblemen. Diese Möglichkeit wollte Priester Setu Naga auch für seine Tochter. Sie hat die gleichen Chancen verdient, davon ist er überzeugt.
So machte er sich insgesamt zwölf Mal auf die beschwerliche, eintägige Reise – und das trotz weiter Wege, unwegsamem Gelände und enormer finanzieller Belastung. Aber mit Erfolg!
Nachhaltige Veränderung: Warum Spenden den Unterschied machen
Die Universität Gondar ist Partner von Licht für die Welt im Kinderaugengesundheitsprogramm „1, 2, 3 … I can see!“. Ziel des Programms ist es, die augenmedizinische Versorgung vor Ort zu stärken – nicht nur durch einzelne Operationen, sondern durch strukturelle Veränderung.

Dank der Unterstützung von Spender*innen konnte
- sich Dr. Dagmawi Abebe durch eine entsprechende Fachausbildung zum einzigen Kinderaugenarzt der Universität spezialisieren.
- das Krankenhaus mit modernen augenmedizinischen Geräten ausgestattet werden,
- dringend benötigtes Operationsmaterial bereitgestellt werden.
Was abstrakt nach „Projektförderung“ klingt, bedeutet in Wirklichkeit: ein Kind kann wieder sehen. Eine Familie bekommt Hoffnung zurück. Es gibt wieder die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Die Augenoperation, die alles veränderte
Nach den ersten Untersuchungen im Krankenhaus steht schnell fest: Alemtsehay muss dringend operiert werden. Ohne Eingriff droht ihr dauerhaftes Erblinden.
Für das medizinische Team ist eine Katarakt-Operation ein routinierter Eingriff. Dabei wird die getrübte Linse durch eine künstliche Linse ersetzt. Die Operation gilt als sicher und dauert meist weniger als eine Stunde pro Auge.
Für Kinder ist der Eingriff jedoch besonders sensibel: Neben chirurgischer Präzision braucht es spezialisierte Nachsorge, damit sich das Sehvermögen optimal entwickeln kann. Genau hier macht ausgebildetes Fachpersonal den entscheidenden Unterschied.
Nach der Operation werden die Augen von Alemtsehay Setu mit Verband geschützt, damit sie sich vom Eingriff erholen können. Doch klar ist: Alles ist gut verlaufen und Alemtsehay Setu wird wieder sehen und der große Wunsch ihres Vaters geht damit in Erfüllung.
„Ich brachte sie hierher, weil sie überhaupt nicht sehen konnte“, sagt Priester Setu Naga sichtlich bewegt. „Aber weniger als zwei Stunden nach der Operation öffnete sie die Augen und begann zu sehen. Es übertraf meine Vorstellungen. Ich bin so glücklich.“
Eine umgeschriebene Geschichte
Heute kann Alemtsehay Setu wieder sehen. Sie kann alleine laufen, spielen, lernen und zurück in die Schule gehen. Ihr Vater freut sich:
Ich möchte, dass sie alles erreicht, wovon sie träumt. Ich bin bereit, sie auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.
Und wovon träumt die 9-Jährige? Voller Hoffnung sagt sie:
Jetzt bin ich glücklich, ich kann wieder sehen. Ich möchte wieder zur Schule gehen und Lehrerin werden. Ich freue mich, meine Familie und Freund*innen zu sehen.
Jede Spende schenkt Zukunft
Alemtsehay Setus Geschichte ist mehr als eine erfolgreiche Operation. Sie ist ein Beweis dafür, dass nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit wirkt. Dass strukturelle Stärkung von Gesundheitssystemen Leben verändert und Grauer Star bei Kindern behandelt werden kann.
Weil Menschen sich entschieden haben zu unterstützen, konnten lokale Fachkräfte direkt helfen und Alemtsehay Setu kann heute wieder träumen. Und vielleicht wird sie eines Tages als Lehrerin vor einer Klasse stehen – und Kindern zeigen, wie groß die Welt sein kann.