- Inklusive Bildung
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Stell dir vor, du möchtest lernen, lesen und deinen eigenen Weg gehen – doch die Schulbücher sind für dich unzugänglich. Genau das ist für Millionen Kinder mit Behinderungen weltweit Realität. Während digitale Technologien im Unterricht selbst hierzulande noch nicht selbstverständlich sind, können sie für viele Kinder in afrikanischen Ländern den entscheidenden Unterschied machen. Sie eröffnen neue Chancen, bauen Barrieren ab und machen inklusive Bildung überhaupt erst möglich.
„Wie soll ein blinder Mensch arbeiten, in die Schule gehen oder am Leben teilnehmen?“
Das waren Christophe Oulés erste Gedanken, als er mit nur 40 Jahren erfuhr, dass er sein Augenlicht verlieren würde. Die Diagnose stürzte ihn in tiefe Verzweiflung. Erst die Worte seines Arztes gaben ihm neue Kraft:
„Dass du lebst und für deine Töchter da bist, dass sie dich Papa nennen können, all das macht so viel aus. Denke nicht, dass du nutzlos bist!“
Diese Worte wurden für Christophe zum Wendepunkt.
Bildung darf kein Privileg sein
Allein in Burkina Faso leben mehr als 1,1 Millionen Menschen mit einer Sehbehinderung oder sind blind. Für viele von ihnen ist der Zugang zu Büchern, Zeitungen oder wichtigen Informationen nach wie vor stark eingeschränkt. Weltweit erscheinen weniger als zehn Prozent aller neu veröffentlichten Bücher in einem barrierefreien Format.
Für Menschen mit Sehbehinderungen bedeutet das oft: weniger Bildungschancen, weniger Selbstständigkeit und weniger Teilhabe.
Wie aus einer persönlichen Herausforderung eine Vision wurde
Später unterstützte er Kinder mit Sehbehinderungen an Schulen. Während einer Ausbildung zum Trainer arbeitete er erstmals mit einem barrierefreien Computer – ein Moment, der sein Leben veränderte.

Christophe Oulé, Gründer des Ressourcenzentrums in Burkina Faso Ich konnte endlich diese Isolation hinter mir lassen. Plötzlich hatte ich unzählige neue Ideen und begann davon zu träumen, wie ich diese Technologie einsetzen kann.
Aus diesem Traum wurde Realität.
Digitale Technologien im inklusiven Unterricht zu verwenden ist ein großer Gamechanger für Menschen mit Behinderungen. In Burkina Faso dürfen Lesematerialien seit 2018 für Menschen mit Behinderungen digital aufbereitet werden, weil die Beschränkungen des Urheberrechts im Vertrag von Marrakesch für diesen Zweck gelockert wurden.
Ein wichtiger Meilenstein für barrierefreie Bildung
Digitale Technologien sind für viele Menschen mit Behinderungen weit mehr als praktische Hilfsmittel – sie öffnen Türen zu Bildung, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Ein bedeutender Schritt gelang 2018 in Burkina Faso: Durch die Umsetzung des Marrakesch-Vertrags dürfen Bücher für Menschen mit Behinderungen einfacher digital aufbereitet werden. Die Lockerung des Urheberrechts macht es möglich, deutlich mehr barrierefreie Lernmaterialien bereitzustellen.
Ein Ressourcenzentrum verändert Leben
Heute setzt sich Christophe mit voller Leidenschaft dafür ein, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam lernen können.
Gemeinsam mit anderen gründete er ein Ressourcenzentrum in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Dort entstehen barrierefreie Informations- und Lernangebote, die vielen Menschen den Zugang zu Bildung ermöglichen.
Das Zentrum stellt unter anderem
- solarbetriebene Audiogeräte,
- Lesegeräte,
- Braille-Drucker sowie
- barrierefreie digitale Lernmaterialien
zur Verfügung. Darüber hinaus werden Schulbücher, Sachbücher und Literatur in zugängliche Formate umgewandelt.

Gerade in Burkina Faso ist das von unschätzbarem Wert. Denn anders als in vielen Teilen Europas verfügen längst nicht alle Familien über Strom, Internet oder einen eigenen Computer.
Allein in einem Jahr wurden 150 Bücher in das barrierefreie EPUB-Format übertragen. Weitere 54 Bücher warten bereits darauf, digital aufbereitet und anschließend gehört oder in Braille gelesen zu werden.
Wenn Bildung plötzlich wieder möglich wird
Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt die Geschichte von Minata. Als sie die dritte Klasse besuchte, verschlechterte sich ihr Sehvermögen zunehmend. Schließlich musste sie die Schule verlassen und verbrachte mehrere Jahre zu Hause. Erst durch einen Freund erfuhr sie vom Ressourcenzentrum.

Mit Unterstützung der Trainer*innen fand sie Schritt für Schritt zurück ins Klassenzimmer. Der Anfang war schwierig, doch ein solares Audiogerät half ihr dabei, Unterrichtseinheiten aufzuzeichnen und Schulbücher anzuhören. So konnte sie den versäumten Stoff nachholen und ihren Bildungsweg fortsetzen.
Heute stehen Schüler*innen wie Minata nicht nur Lehrbücher, sondern auch Romane und weitere Lernmaterialien zur Verfügung. Mithilfe von Laptops und Tablets werden die Inhalte auf Speicherkarten übertragen und können jederzeit angehört werden. Unterrichtsmaterialien lassen sich außerdem mit einem Braille-Drucker ausdrucken und in Brailleschrift lesen.
Digitale Technologien schaffen Zukunft
Für Christophe steht fest: Technologie ist kein Luxus – sie ist der Schlüssel zu mehr Chancengleichheit.
Christophe Oulé Dank technologischer Hilfsmittel konnten wir viele Barrieren für Kinder abbauen. Wir haben sie beim Lernen unterstützt und großartige Ergebnisse erzielt. Fünf von sechs Student*innen, die mit einem Audiogerät gelernt haben, konnten ihren Abschluss machen.
Diese Erfolge zeigen, welches Potenzial digitale Technologien für inklusive Bildung haben.
Gleichzeitig bleiben Herausforderungen bestehen. Gerade in ländlichen Regionen fehlen häufig eine verlässliche Stromversorgung oder ein Internetzugang. Deshalb setzt sich Licht für die Welt dafür ein, möglichst viele Kinder und Jugendliche zu erreichen – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben.
Denn jedes Kind hat das Recht auf Bildung. Und Bildung ist weit mehr als Wissen: Sie eröffnet Chancen, stärkt Selbstvertrauen und schafft die Grundlage für eine selbstbestimmte Zukunft.