Von Trufi, Cuñapes, Anticuchos

Begleiten Sie unsere Projektverantwortliche Jenni Jerabek durch einen Tag in Bolivien.
Jenni mit einem Kind in Bolivien

Ein Trufi, also ein Sammeltaxi in Bolivien zu finden, ist gar nicht so einfach. Es sollte uns heute fünf Stunden nach Concepción – ein kleines Städtchen im zentralen Teil Boliviens -  fahren, wo wir uns die Projekte von Licht für die Welt ansehen werden. In der einstündigen Wartezeit auf das Trufi habe ich Zeit, um mich den wunderbaren Köstlichkeiten Boliviens zu widmen. Beim Busbahnhof kaufe ich mir gleich frische Cuñapes von einer Straßenverkäuferin – das sind pikante, deftige Käsebällchen. Nach drei Stunden Taxifahrt machen wir dann Pause, um Tukumana, frittierte Teigtäschchen mit Huhn und Ei zu essen. Gottseidank! Denn es war eine der Besten, die ich je in Bolivien gegessen habe. Nach vier Jahren als Projektverantwortliche für Bolivien habe ich schon unzählige Reisen in dieses Land gemacht. Ein Land mit atemberaubender Landschaft und Kulinarik, aber auch ein Land, in dem es Menschen mit Behinderungen besonders schwer haben. 

Schnitzen mit Mädels-Power 

Endlich kommen wir bei unserer Partnerorganisation FASCO an. Wir fahren gleich los und besuchen eine Schnitzwerkstätte für Menschen mit intellektueller Behinderung. Besonders auffällig ist, dass mehr Frauen und Mädchen als Jungs in dem Raum sind. Da das Schnitzen früher oft als männliches Metier angesehen wurde, bot unsere Partnerorganisation das Training für Mädchen an. Und siehe da: Sie finden es ganz toll. Fatima (15 Jahre) besucht mit ihrem Bruder Aurelio (17 Jahre) den Kurs. Trinidad, 13 Jahre alt, ist erst seit zwei Monaten dabei, arbeitet jedoch schon sehr professionell an ihrem Holzengel, der in der Chiquitania berühmt ist. Chiquitania ist eine Region, in der früher Jesuiten missionierten und die Kulturen der indigenen Völker mit ihrer eigenen mischten, um gemeinsame, religiöse Symbole zu erschaffen.

Unabhängige Zukunft

Alle drei Jugendlichen sind sich einig: Zum Spaß lernen sie das Schnitzen nicht. Sie wollen ihre Produkte bald verkaufen und so ein zusätzliches Einkommen für ihre Familien schaffen. Nachdem sie ebenfalls alle aufgrund ihrer intellektuellen Behinderung die Schule nicht abschließen konnten, ist es für sie besonders wichtig zu zeigen, welche Fähigkeiten sie haben. 

Auch bei unserem nächsten Besuch wird klar: Einkommen zu erwirtschaften ist allen wichtig. Denise (18 Jahre), die aufgrund einer Fehlfunktion ihrer Schilddrüse recht jung wirkt, ist sehr wiff. Seit acht Jahren häkelt sie schon traditionelle Bordüren für Servietten, Hemden und andere Textilprodukte. Gleichzeitig bemalt sie diese auch. Aufgrund einer frühzeitigen Arthritis und starken Schmerzen in den Kniegelenken, musste sie letztes Jahr die Schule aussetzen. Mit der Unterstützung unseres Physiotherapeuten lernt sie Übungen und ihre Gehhilfen werden angepasst. Das Häkeln wirkt übrigens auch weiterer Arthritisschübe in den Handgelenken vor.

Sport und Inklusion

Unser letzter Besuch geht zu José Carlos: Er ist 14 Jahre alt und hat moderate Zerebralparese. Nach drei Jahren Training hat José Carlos die Wettbewerbe in Weitwurf auf Bundeslandebene gewonnen. Zum Trainieren ermutigte ihn auch seine Mutter Maria Cristina, die letztes Jahr einen Kurs für Inklusion von Licht für die Welt und dem Sportministerium besuchte. José Carlos wird sogar sein Bundesland bei den nationalen Spielen in Oruro vertreten. 

Zurück am Hauptplatz von Concepción überwältigt wie stets die alte Kirche, Weltkulturerbe, von Jesuiten aus Holz gebaut. Heute ist eine ganz besondere Stimmung, denn die Stadt scheint wie von Schnee bedeckt: Überall liegen Samen eines Baumes, dessen Namen ich wieder vergessen habe. Sie sehen aus wie weiße Wollknäuel. Die Sonne scheint rot durch den wolkenbehangenen Himmel.

Wir trinken noch einen Café mit Empanadas, die mit Käse gefüllt sind. Dann noch Anticuchos zum Abendessen, eine Einheimische erklärt uns: Wer keine Anticuchos gegessen hat in Concepción, war nicht in Concepción.