- Augengesundheit
Ein Blick in den beruflichen Alltag von Dr. Hagos Beyene, einem Chirurg in Äthiopien, zeigt, wie entscheidend rechtzeitige Hilfe im Kampf gegen vermeidbare Blindheit ist – und welche Rolle dabei internationale Unterstützung spielt.
In vielen Regionen Äthiopiens ist der Zugang zu augenmedizinischer Versorgung keine Selbstverständlichkeit. Krankheiten wie Trachom, eine der häufigsten Ursachen für vermeidbare Blindheit, können unbehandelt schwerwiegende Folgen haben. Gleichzeitig fehlt es oft an Personal, Material und Infrastruktur, um rechtzeitig eingreifen zu können.
Dr. Hagos Beyene ist Optometrist und leitender Chirurg im St. Mary’s Comprehensive Hospital in Aksum. Er arbeitet seit vielen Jahren mit Licht für die Welt zusammen und gibt in einem Interview Einblicke in seinen Arbeitsalltag, die Herausforderungen vor Ort und die Fortschritte, die durch Aufklärung, medizinische Versorgung und internationale Unterstützung möglich werden. Seine Erfahrungen zeigen, wie eng medizinische Hilfe, gesellschaftliche Entwicklung und Hoffnung miteinander verbunden sind.
Herr Dr. Hagos, wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus?
Mein Tag beginnt früh. Oft starte ich mit einer Visite bei Patient*innen, die bereits operiert wurden. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich jedoch im Operationssaal – mit Trachom-Operationen und anderen augenmedizinischen Eingriffen. Wenn ich nicht operiere, berate und untersuche ich Patient*innen oder bilde jüngere medizinische Fachkräfte aus. Jeder Tag ist arbeitsreich – und jeder Tag bietet die Chance, ein Leben zu verändern.
Welche Veränderungen sehen Sie durch Ihre Arbeit vor Ort?
Wir beobachten deutliche Fortschritte. Früher wussten viele Menschen wenig über Hygiene und deren Zusammenhang mit Trachom. Durch Aufklärung und besseren Zugang zu Behandlungen übernehmen die Menschen zunehmend selbst Verantwortung: Sie achten stärker auf Hygiene, waschen sich häufiger die Gesichter und Hände und nutzen Latrinen. Dennoch bleibt Armut ein zentraler Faktor für die Verbreitung der Krankheit. Solange diese Ursachen bestehen, wird Trachom weiterhin auftreten.
Gibt es eine Patient*innengeschichte, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
In meinen 25 Jahren in diesem Job habe ich viele Geschichten miterlebt. Patient*innen sagen mir oft, wie dankbar sie sind. Manche bringen Essen als Geschenk, andere kommen einfach so und sagen danke.
Jede dieser Geschichten trage ich mit mir. Sie erinnern mich daran, dass das, was wir hier tun, nicht nur Medizin ist, es geht um Hoffnung.
Wie lange arbeiten Sie schon mit Licht für die Welt zusammen?
Ich kenne Licht für die Welt schon seit über einem Jahrzehnt. In dieser Zeit sind wir gemeinsam gewachsen, haben die Gesundheitsangebote gestärkt, Hilfseinsätze ausgeweitet, und Augenlicht in zahllosen Gemeinden gerettet. Die Wirkung dieser Organisation in unserer Region ist immens, vor allem im Bereich der Trachom-Operationen und umfassenden Augenuntersuchungen.
Gemeinsam erreichen wir die am stärksten vernachlässigten und schwer erreichbaren Bevölkerungsgruppen, die sonst oft unentdeckt bleiben. Unsere Zusammenarbeit baut auf einem gemeinsamen Ziel auf: Blindheit zu vermeiden und mit der Sehkraft auch die Würde der Menschen wiederherzustellen.
Welche Unterstützung bekommen Sie von Licht für die Welt?
Die Unterstützung durch Licht für die Welt ist grundlegend für uns. Die Organisation versorgt uns mit wichtigen Verbrauchsmaterialien für Trachom-Operationen, mit dringend benötigten Medikamenten und anderer medizinischer Ausrüstung. Diese Unterstützung ermöglicht es uns, eine konstante Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, auch in Krisenzeiten oder bei Lieferengpässen.
Wie viel müssen die Menschen für die Behandlung zahlen? Wie ist die Personalsituation? Fehlt es an etwas Wichtigem?
Die Trachom-Operationen sind dank der Unterstützung von Licht für die Welt und unserer Spender*innen kostenlos. Der Bedarf an augenmedizinischer Versorgung ist jedoch sehr hoch, und unser Personal arbeitet oft an der Belastungsgrenze.
Es kommt vor, dass uns Verbrauchsmaterialien ausgehen, und auch der Transport stellt eine Herausforderung dar. Vor Beginn des Projekts war die Situation noch deutlich schwieriger. Heute stehen wir besser da und können auch abgelegene Regionen erreichen, die zuvor kaum Zugang zu medizinischer Versorgung hatten.
Was passiert, wenn die Behandlung (Medikamente, Operation) nicht rechtzeitig kommt?
Wenn sich eine Behandlung verzögert, können die Folgen gravierend sein. Die Blindheit schreitet weiter fort und ist häufig irreversibel. Das haben wir während des Krieges in Tigray erlebt, als die Versorgung für zwei Jahre unterbrochen war. Trachom breitete sich stark aus, und viele Patient*innen erreichten ein Stadium, in dem ihr Augenlicht nicht mehr gerettet werden konnte.
Das bedeutet nicht nur individuelles Leid, sondern auch langfristig höhere Behandlungskosten und zunehmende Armut, da Betroffene oft nicht mehr arbeiten und ihre Familien versorgen können.
Was wäre alles nicht möglich ohne die Unterstützung der Spender*innen?
Ohne die Unterstützung der Spender*innen hätten wir sehr viel geringere Kapazitäten. Trachom-Operationen wären nicht mehr kostenlos. Medizinische Güter würden uns ausgehen. Und die Hilfseinsätze in abgelegene Dörfer wären völlig unmöglich. Die Folge wäre ein massiver Anstieg von Blindheit, besonders unter ohnehin schon benachteiligten Bevölkerungsgruppen.
Die Spender*innen sind die unsichtbaren Hände, die das Augenlicht so vieler Menschen retten.
Welche Nachricht möchten Sie an die Menschen in Europa senden, die helfen wollen?
An unsere Freund*innen und Unterstützer*innen in Europa: Ihre Hilfe zählt mehr, als Sie sich vorstellen können! Jede Spende, jedes medizinische Gerät, jede Aktion von Ihrer Seite hilft uns, Augenlicht zu retten, Leiden zu verhindern und Gemeinden zu stärken. Bitte unterstützen Sie uns weiterhin, denn ohne Sie wird Trachom sich wieder ausbreiten und es werden mehr Menschen in vermeidbarer Dunkelheit leben müssen.
Die Geschichte einer Patientin
Herr Dr. Hagos hat die Trachom-Operation von Guesh Abreha durchgeführt. Lesen Sie hier Ihre Geschichte!
