„Lasse niemanden zurück“

Licht für die Welts Senior Advocacy Officer Yetnebersh Nigussie nimmt ihre Behinderung als Chance.
Yetnebersh Nigussie Credit:Studio Casagrande

Sie ist eine äthiopische Anwältin, eine Behindertenaktivistin und eine herausragende Verteidigerin der Rechte, die in der UN-Konvention der Rechte für Menschen mit Behinderung festgehalten sind: Senior Advocacy Officer bei Licht für die Welt Yetnebersh Nigussie. Yetnebersh erblindete, als sie fünf Jahre alt war. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, der Mensch zu werden, der sie heute ist. Während ihrer Uni-Zeit gründete sie bereits einen Verband für Studentinnen und hatte den Vorsitz  bei der äthiopischen Blindenvereinigung. 2003 erhielt sie den  „Amanitare Award“ für ihren Einsatz für die Rechte von Mädchen in Südafrika. Was ist ihre Motivation? Wir haben mit Yetnebersh über ihre persönlichen Erfahrungen gesprochen und gefragt, wie es ist, eine Frau mit Behinderungen in Afrika südlich der Sahara zu sein.

Wie ist die Situation für Frauen, insbesondere Frauen mit Behinderungen in Äthiopien?
Viele Frauen in Afrika südlich der Sahara haben keinen Zugang zu Bildung, dem Gesundheitswesen oder Arbeitsmöglichkeiten. Diese Situation ist noch schlechter für Frauen mit Behinderung. Mädchen und Frauen mit Behinderung erleben oft verschiedene Formen von Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung. Eine Studie von Handicap International ergab, dass 46,4 % der Menschen mit Behinderung in Äthiopien Opfer sexueller Gewalt sind. 83% davon sind Frauen mit Behinderung.

Wie hast du deine Kindheit und Jugend als Frau mit Behinderung erlebt?
Als Mädchen aus dem ländlichen Äthiopien war meine frühe Kindheit von Analphabetismus und schwerer Arbeit geprägt. Als ich mein Augenlicht mit fünf Jahren verlor, war es nicht leicht für meine Familie diese Situation zu akzeptieren. Denn das hieß: Ich wurde automatisch als unnütz und hoffnungslos angesehen. Meine Familie brachte mich zu vielen traditionellen Heilern: ohne Erfolg. Dann kam ich zu meiner Großmutter, wo auch meine Mutter wohnte. Damit wurde ich mit einer großen Einsamkeit zurückgelassen. Ich musste meine Großeltern, die mir geholfen hatten zu wachsen und auch meine Freunde, mit denen ich aufgewachsen bin, zurücklassen. Das war jedoch die Chance, die mich in die Schule brachte und mir half, dem Brauch der frühen Ehe zu entkommen. 8 – 10 jährige Mädchen werden dabei mit 15 – 16 – jährige Burschen verheiratet.

Wie war deine Zeit in der Schule?
Während meiner ersten Zeit in der Schule hatte ich katholische Nonnen, die für mich Vorbilder waren. Dort erlernte ich die Fähigkeit, meine Potentiale zu entfalten. Leider war diese spezielle Schule nur bis zur 6. Klasse möglich. Danach wurden wir gezwungen in eine allgemeine Schule in Addis zu gehen, die meine besonderen Bedürfnisse nicht berücksichtigen konnte. Das war der Moment, als ich merkte, dass ich anders bin. In der Klasse mit 76 Schülern, war ich die einzige blinde. Die Kinder wussten nicht, wie sie mit mir spielen sollten. Also haben sie mich immer alleine gelassen. Außer im Sportunterricht, als sie mich fragten, ob ich auf ihre Schulbücher aufpassen konnte, während sie im Feld spielen waren. Meine Augen füllen sich mit Tränen, wenn ich an diese Zeiten denke. Diese Situation veränderte sich nach dem ersten Semester, als ich die besten Noten in der Schule hatte und akzeptiert, geliebt und geschätzt wurde.

Wie hast du dieses starke Selbstbewusstsein entwickelt, um auf deinem Weg zu bleiben und der Mensch zu werden, der du heute bist?
Ich glaube, dass mich die Herausforderungen, mit denen ich zu kämpfe hatte, stark gemacht haben. Ich komme aus einer sehr armen Familie und einer landwirtschaftlichen Gesellschaft. Ich erblindete im jungen Alter und bekam nicht rechtzeitig Rehabilitation. Mein Zugang zu Bildung gab mir den Glauben, dass ich so weit kommen konnte wie Menschen aus reichen Familien und ohne Behinderung. 

Warum hast du dich entschlossen, für Licht für die Welt zu arbeiten, und was sind deine Visionen in Bezug auf unsere möglichen gemeinsamen Ziele?
Ich glaube, dass uns die Welt mit den Nachhaltigen Entwicklungszielen  eine Aufgabe für die nächsten 15 Jahre gegeben hat. Das übergreifende Prinzip dabei ist: „Lasse niemanden zurück. Das regte mich zum Nachdenken an, meinen Horizont zu erweitern und meinen Einfluss so zu nutzen, um Inklusion auf allen Ebenen zu realisieren. Es hat für mich zeitlich und generell gepasst, dass sich Licht für die Welt als eine NGO mit einem Schwerpunkt für Behinderungen und internationale Entwicklung formiert hat. Auch das Motto „go global, act local“ passt direkt in meine Pläne. Ich hoffe, ich kann bestmöglich dazu beitragen, um Partnern und Entscheidungsträgern Inklusion in ihrer täglichen Arbeit zu ermöglichen. Das ist ein erster Meilenstein auf dem Weg, um die Zukunft zu erreichen, die wir wollen. Wo alle Frauen und Männer, alle Burschen und Mädchen mit Behinderungen gleichen Zugang zu Dienstleistungen, Möglichkeiten und Rechten wie alle anderen haben.