Mosambik: Hilfe außer Reichweite

Zuerst ein verheerender Wirbelsturm, jetzt COVID-19 - Menschen mit Behinderungen sind von den Auswirkungen dieser Katastrophen besonders betroffen. Doch ihre Bedürfnisse werden nur selten in Hilfsstrategien berücksichtigt. Der Bericht „Aid out of Reach“ von LICHT FÜR DIE WELT und UNICEF beschreibt die Erfahrungen Betroffener und bietet Lösungsansätze.
Licht für die Welt und UNICEF präsentieren den Bericht "Aid out of Reach" (c) LICHT FÜR DIE WELT


Der Zyklon Idai in Mosambik sorgte im März 2019 weltweit für Schlagzeilen. Die internationale Gemeinschaft reagierte schnell. Mehr als 400 Organisationen und 1.000 HelferInnen wurden sofort in die betroffenen Gebiete Mosambiks entsandt, um Menschen in Not zu helfen.

Armando aus der Stadt Buzi ist 90 Jahre alt und blind. Seine Familie kümmert sich jeden Tag um ihn und versorgt ihn auch jetzt in der COVID-19 Krise. Doch viele andere haben dieses Glück nicht.

Schätzungen zufolge waren mehr als hunderttausend Kinder und Erwachsene mit Behinderungen Opfer des verheerenden Zyklons Idai. Nur wenige von ihnen wurden im ersten Monat nach dem Zyklon mit Hilfe erreicht. Wie es den Anderen ergangen ist, können wir nur annehmen, denn es wurden keine Daten erhoben.

Hilfe: So nah und doch unerreichbar

Gemeinsam mit UNICEF und finanzieller Unterstützung der norwegischen Regierung erstellte LICHT FÜR DIE WELT den Report „Aid out of Reach“. Dieser Bericht dokumentiert die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen, die am stärksten von den Auswirkungen des Zyklons betroffen sind. Ihre teils traumatisierenden Erfahrungen bieten die Grundlage für Handlungsempfehlungen, um zukünftige humanitäre Maßnahmen zu verbessern. Im Juni 2019 haben wir uns in der Provinz Sofala mit 30 Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen unterhalten, ihre BetreuerInnen interviewt und mit Behindertenorganisationen (DPO’s) gesprochen. 

Ihre Geschichten sind erschütternd.

 „Wir waren Zuhause, als der Zyklon über uns hinwegfegte. Ich bin blind und meine Frau kann nicht richtig laufen “, erzählte uns João aus Beira. „Unser jüngster Sohn trug meine Frau auf dem Rücken, um im Nachbarhaus Schutz zu suchen. Der Wind riss Dächer vom Haus und Palmen aus dem Boden. Das gesamte Gebiet war bis zu auf Kniehöhe mit Wasser überflutet.“ 

Viele Menschen mit Behinderungen wurden von dem Wirbelsturm überrascht, denn Informationen wurden nicht barrierefrei aufbereitet und konnten sie somit nicht erreichen. Auch von Schutzunterkünften, die in öffentlichen Gebäuden errichtet wurden, erfuhren viele erst viel zu spät. Das wirkte sich auch auf die Hilfsleistungen aus. „Menschen in Schutzunterkünften wurde am meisten Hilfe gewährt. Menschen, die ihr Zuhause nicht verlassen konnten, haben kaum Hilfe erhalten,“ sagte Helena in einer der Gruppendiskussionen.


Die wenigen, die in Schutzunterkünften Zuflucht fanden, haben schlechte Erfahrungen gemacht und sich ausgeschlossen gefühlt. Oft wurden sie diskriminiert, schämten sich oder wurden gar ausgelacht. Viele kehrten deshalb nach Hause zurück. Für diejenigen, die blieben, war es fast unmöglich, Toiletten und Wasserhähne zu benutzen. 

"In der Schule haben sie Essen gekocht, aber als blinder Mensch einen Teller zu bekommen war schwierig“, erinnert sich José. „Bei einem Streit ums Essen, verlieren diejenigen, die blind sind, gegen diejenigen, die sehen können. Ich habe dieses Problem angesprochen und gesagt, dass wir Priorität haben müssen, aber ich wurde ignoriert.“

Praktische Lektionen für die Zukunft

Aber es geht auch anders. Humanitäre Organisationen müssen Menschen mit Behinderungen und ihre Bedürfnisse in ihre Reaktionspläne miteinbeziehen. Doch dafür müssen sie sich aktiv mit ihnen befassen, um herauszufinden, welche Art von Unterstützung sie benötigen. Im Bericht „Aid out of Reach“ finden sich Handlungsempfehlungen, um auf zukünftige Notsituationen besser vorbereitet zu sein.

  • Daten Sammeln
    Das Sammeln von Daten ist die Grundlage, um Menschen mit Behinderungen zu identifizieren und ihre Hilfsbedürfnisse festzuhalten. Solange Hilfsorganisationen nicht wissen, was eine Behinderung ist oder wie man sie messen kann, können keine zuverlässigen Daten gesammelt werden.

  • Hilfe für Menschen mit Behinderung priorisieren
    Menschen mit Beeinträchtigungen sind oft die Letzten, denen geholfen wird. Deswegen müssen Hilfsorganisationen sie priorisieren und ihnen den Zugang zu Hilfsgütern erleichtern. Das fängt schon bei überdachten Sitzgelegenheiten bei Verteilerpunkten an. 

  • Informationen behindertengerecht aufbereiten
    Herkömmliche Informationsmaterialien erreichen Menschen mit Behinderungen oft nicht. Alternativ kann auf Audiomaterial oder gar direkte Informationsvermittlung mithilfe eines Gebärdensprachendolmetschers zurückgegriffen werden.

  • Inklusive Organisationen und ihre Erfahrungen miteinbeziehen
    Hilfsorganisationen müssen eng mit inklusiven Organisationen zusammenarbeiten, die Menschen mit Behinderungen in Notfällen unterstützen. Sie wissen, wo sie leben und welche Bedürfnisse sie haben. 

COVID-19 und der Weg nach vorne

Der Wiederaufbau in Mosambik schreitet nur langsam voran. Noch immer leben viele Menschen in Notunterkünften und die Situation für Menschen mit Behinderungen bleibt nach wie vor schwierig. Erschwerend hinzukommen die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen der COVID-19 Pandemie. „Wir wollen die Hindernisse beseitigen, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zu Hilfe, Schutz und Wiederaufbau in Krisenzeiten im Weg sind“, sagt Zicai Zacarias, Nationaler Direktor bei Licht für die Welt Mosambik.

Die COVID-19-Krise ist ein Testfall für humanitäre Akteure. Die 2019 verabschiedete Strategie der Vereinten Nationen zur Eingliederung von Menschen mit Behinderungen kann jetzt umgesetzt werden.

 Lesen Sie hier den gesamten Bericht "Aid out of Reach"