Sie befinden sich hier

Meine Begegnung mit Ademe

Unsere Kollegin Sandra Wölfl berichtet von ihrer letzten Äthiopien-Reise und wie sie miterlebte, wie der 65-jährige Bauer Ademe sein Augenlicht wiedergewann.
Ademe

Es ist etwa 6 Uhr morgens als wir von der Hauptstraße abbiegen und eine Schotterstraße bergab zum einzigen Krankenhaus in der Region fahren. Es ist dämmrig in Bonga, einer für mich überschaubaren Stadt im Süd-Westen Äthiopiens. Die Sonne ist durch eine dicke Wolkenschicht verdeckt, die wegen der umliegenden Berge nur langsam schwindet. Heller wird es hier in den nächsten Stunden nicht.

Unser Auto parkt direkt vor dem Eingang des Krankenhauses. Die Größe des Gebäudes überrascht mich: die-zweistöckigen, schalgelben Mauern, die brüchigen Fenster und die einfache Eingangstür… Das Krankenhaus, in dem in der nächsten Woche blinde Menschen ihr Augenlicht zurückgewinnen werden, macht eher den Eindruck einer alten Schule. Als Redakteurin bei Licht für die Welt bin ich hier, um mit den Menschen vor Ort zu sprechen, um zu sehen und weiterzutragen, welche Auswirkungen Ihre Spende auf das Leben von blinden Menschen hat.  

Menschen reisen teils tagelang zu Fuß an

Auf einer kleinen Bank warten bereits Menschen. Die extra für den Hilfseinsatz aus Jimma angereiste Augenärztin Dr. Dagmarwit erklärt mir, dass die meisten im lokalen Radio von dem Einsatz erfahren haben. „Es werden immer mehr kommen“, sagt sie. Gegen Ende des Hilfseinsatzes von Licht für die Welt auch aus immer entfernteren Dörfern, da die Anreise so lange dauert. „Augenkranke Menschen sind teils tagelang zu Fuß unterwegs, nur um die einzigartige Chance auf eine Augenuntersuchung oder -behandlung zu nutzen“, erzählt Dr. Dagmarwit.

Mittlerweile ist Nachmittag. Wir warten in dem kleinen Untersuchungsraum im Erdgeschoß des Krankenhauses. Vor der Türe drängen sich Menschen, auch in dem Raum ist jeder Zentimeter gefüllt. Die Luft steht. Nur hin und wieder lässt das winzige Fenster einen kühlen Windstoß mit ein paar Regentropfen herein. 

Ademe wird wieder sehen können

Hier lerne ich Ademe Woldemariam kennen. Während Ärztin Dagmarwit mit einer Taschenlampe in seine Augen leuchtet, wartet sein Sohn geduldig in dem schmalen Gang vor dem Raum. Der 65-jährige Bauer bekommt einen großen Zettel auf dem sein Name, die Diagnose und ein Termin stehen. Er beginnt erleichtert zu lächeln, denn morgen früh wird er, gemeinsam mit 24 anderen PatientInnen, am Grauen Star operiert. 

Ich frage ihn nach dieser erleichternden Nachricht, ob er sich noch kurz zu uns setzen möchte. Und lerne den groß gewachsenen Bauern als einen in sich ruhenden Mann kennen, der nur das nötigste verbalisiert. In wenigen Worten erzählt mir Ademe von seiner Familie, Freunden, seinem Dorf Shishinda und den Ochsen, auf die er besonders stolz ist. Und obwohl er nicht genau weiß, was morgen passiert, Angst vor der Operation hat er nicht.

Ich möchte den Untersuchungsraum und Ademe für heute bereits verlassen, als ein etwa 70-jähriger Mann, von seinen beiden Söhnen gestützt, zwischen den Leuten auf der schmalen Holzbank platz nimmt. Seinen Stock lehnt er neben sich. Drängend fragt er in den Raum nach Hilfe, erklärt, dass er nicht sehen kann. Ein Krankenpfleger sieht in seine Augen, holt Dr. Dagmarwit dazu. Es vergehen bestimmt 15 Minuten, bis sie ihm erklären, dass sie ihm nicht helfen können. Er hätte auf beiden Augen eine unheilbare Krankheit, die nicht behandelt und seine Blindheit somit nicht rückgängig gemacht werden kann. Der Großvater beginnt bitterlich zu weinen als er seine aussichtslose Situation realisiert. Die Hände auf dem Schoß liegend, sackt der große Mann vor Verzweiflung in sich zusammen. Auch mir steigen Tränen in die Augen. Erst langsam bemerke ich die Stille in dem vormals hektischen Raum, höre nur den Mann und wie seine Söhne ihm gut zusprechen. Es dauert, bis er sich langsam beruhigt.

Viele blinde Menschen bekommen keine Hilfe

Auch ich brauche einen Moment um mich zu sammeln. Vor allem weil ich weiß, dass viele Blindheitsfälle dank zeitgerechter Behandlung geheilt werden könnten. Vielleicht auch der von dem blinden Großvater? Es ist ernüchternd, denn in Entwicklungsländern, wo die Gesundheitsversorgung sehr schlecht ist, gibt es für viele blinde Menschen keine Hilfe. 

Unsicher, betroffen von den Geschehnissen verabschiede ich mich von Ademe und treffe ihn erst tags darauf in dem langen Gang, vor dem Operationsraum wartend, wieder. Ich setze mich zu ihm und freue mich besonders, dass er bald wieder sehen wird. Ademe bekommt einen kleinen schwarzen Beutel. Darin findet er eine Kopfbedeckung und Schuhüberzieher für die Operation und zwei verschiedene Augentropfen zur Nachbetreuung seiner Star-Operation. Noch immer kann ich keine Nervosität spüren.

Nach einigen Stunden wird er in den Raum gerufen, wird gebeten, sich auf ein schmales Behandlungsbett zu legen und bekommt eine Spritze in sein linkes Auge. Ein zusätzlicher Tennisball um seinen Kopf gebunden reguliert den Augendruck vor dem 15-minütigen Eingriff. 

Das nächste Mal treffe ich Ademe und seinen Sohn am morgen darauf bei der Kontrolluntersuchung vor dem Krankenhaus. Ich frage, ob er Schmerzen hat. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen verneint der 65-jährige Bauer. Und nach kurzem Warten darf ich mit ihm den alles entscheidenden Moment teilen. Dr. Dagmarwit nimmt ihm den Verband vom Auge. Ich kann jetzt noch sein erleichtertes Seufzen hören, den Jubel, von dem sonst so wortkargen Bauern. Wir alle freuen uns mit ihm. Diese ersten Sekunden sind unbeschreiblich. Ademe Woldemariam, den ich blind und mit Grauem Star kennen gelernt habe, kann heute wieder sehen!