Mein Augenlicht, mein Leben

Begleiten Sie Abeju aus Äthiopien auf ihren Weg zurück zum Augenlicht.
Abeju wird Augenbinde entfernt

Abeju Mersha kann nicht genau sagen, wie alt sie ist. „Zwischen 50 und 60 Jahre“, vermutet sie. Viel wichtiger in ihrem Leben ist, dass sie drei Enkelkinder hat um die sie sich kümmert, wenn die Söhne auf dem Feld arbeiten. Und sie flicht traditionelle Körbe aus Stroh und Leder, mit dem Verkauf hat sie der Familie schon öfter über schwere Zeiten geholfen. Jeden Abend bäckt Abeju große, weiche Teigfladen, Injera genannt, die ein bisschen säuerlich schmecken und bei keinem äthiopischen Essen fehlen dürfen. 

Doch dann beginnt es. „Ein Auge wurde immer schlechter. Wenn ich mein gesundes Auge zugehalten habe, konnte ich gar nichts mehr sehen.“, erinnert sie sich. Auch am besseren Auge sieht sie immer weniger. Ein Nachbar kommt eines Tages vorbei, zu aller Erstaunen, denn er war früher selbst blind. Freudig erzählt er von Licht für die Welt, von augenmedizinischer Hilfe. Nicht in der fernen Hauptstadt arbeiten diese Menschen, nicht um viel Geld, sondern sie kommen in die Berge und helfen jenen, die sonst keine Hilfe bekommen. Gerade ist wieder so ein Einsatz in der Nähe. Abeju macht sich auf den Weg, doch als sie bei der Gesundheitsstation ankommt, sind der Augenarzt und sein Team bereits abgereist. Enttäuscht kehrt Abeju nach Hause zurück. „Nicht einmal kochen konnte ich mehr, ständig habe ich den Teig danebengeschüttet.“ Da kommt ihr Enkel aufgeregt aus der Schule. Jemand hat in großen Buchstaben die Zeit und den Ort des nächsten Hilfseinsatzes auf die Tafel geschrieben: Debark, in einer Woche. Abeju lebtauf. An der Hand ihres Mannes eilt sie über Stock und Stein nach Debark.

In Debark sitzen Wartende im Schatten eines niedrigen Gebäudes. Der Augenarzt und sein Team sind bereits bei der Arbeit, Abeju wird zur Untersuchung geführt. Bei ihr wird Grauer Star festgestellt, dieselbe Trübung der Augenlinse, an der ihr Nachbar erblindet war. Sie kann operiert werden! Als Abeju in das Operationszimmer geholt wird, lächelt sie zuversichtlich. Wenig später kommt sie mit einem weißen Verband über dem Auge wieder durch die Tür. Dass die Operation geglückt ist, daran zweifelt sie keinen Moment. Und als ihr die Augenbinde wieder abgenommen wird, überzieht ein sonniges Strahlen ihr Gesicht. Abeju kann wieder sehen! „Den Boden muss ich dringend sauber machen. Und dann koche ich einen guten Kaffee.“ Am Heimweg überlegt Abeju schon, was sie nun alles zu tun hat. Als sie ihre Söhne gerade bei der Feldarbeit antrifft, nimmt auch Abeju einen Korb voll.

Getreide und zeigt, wie man es am besten in den Wind wirft, damit die Spreu weggeweht wird. „Aber das sollen die jungen Leute machen“, lacht sie nach ein paar Minuten. Zu Hause scheucht Abeju die Hühner aus der Küche und setzt sich noch einen Augenblick mit ihrem Mann vor die Hütte, bevor sie mit den Vorbereitungen für das Abendessen beginnt. Mit ihrem Augenlicht hat Abeju ihre Selbständigkeit wiedergewonnen.