Immer lebensfroh und gut gelaunt

Für Marceline Bikienga aus Burkina Faso geht nach der Augen-OP die Sonne wieder auf
Foto: Marceline Bikienga ist überglücklich. Credit: UIrich Eigner

Voller Freude sitzt Marceline Bikienga heute vor den kleinen Päckchen mit Erdnüssen. Jedes einzelne hat sie liebevoll befüllt und zugebunden. Was für einen Spaß sie dabei hat, ist kaum zu glauben. Kein Wunder, denn noch vor ein paar Tagen konnte Marceline nichts sehen.

Marceline steht früh auf, um ihr Feld zu pflegen. Sie nutzt jeden Lichtstrahl, der ihr dabei hilft, die Ernte zu erkennen. Die 66-jährige Frau aus Pélga, einem Dorf in Bukina Faso, baut auf einem kleinen Feld Erbsen und Erdnüsse an. Damit sie ihre Existenz sichern kann, verarbeitet sie die Hülsenfrüchte rasch. Sie kocht daraus eine Sauce, um sie dann von Tür zu Tür gehend zu verkaufen. Seit ihr Mann vor sieben Jahren gestorben ist und ihre drei Töchter ausgezogen sind, sorgt sie alleine für sich.

Wenn nach einem harten Tag am Feld der Abend anbricht, ist der Arbeitstag für Marceline zu Ende. Selbst ihre Hühner, die sie nahe ihrer Lehmhütte hält, kann sie dann nicht mehr versorgen. Bereits tagsüber kann sie kaum etwas erkennen; und sobald die Sonne untergeht, lassen ihre Augen sie ganz im Stich. Nicht mehr lange und Marceline erblindet völlig. Dann wird auch der Tag zur Nacht. Marceline hat Grauen Star. Auf dem rechten Auge ist sie vollkommen blind. Ihr linkes Auge besitzt kaum noch Sehvermögen. Wie soll sie sich versorgen, wenn sie nicht sehen kann? Ihre Zukunft hängt an einem seidenen Faden.

Marceline gibt nicht auf

Doch die lebensfrohe Frau gibt nicht auf. Noch hat sie Hoffnung: ihren Neffen Kaboré. Er unterstützt seine Tante wo er nur kann. Eines Tages erzählt ihr Kabore von einer Augenklinik in Zorgho. In der knapp 200 Kilometer entfernten Stadt könnten die Augen seiner Tante untersucht werden. Für Marceline steht gleich fest: sie will versuchen ihr Augenlicht zu retten. Um zur Augenklinik zu gelangen, nehmen sie eine lange und anstrengende Reise zu Fuß und mit dem Bus auf sich. Stundenlang sind sie in der sengenden Hitze unterwegs. Als Marceline mit ihrem Neffen in Zorgho ankommt, sieht sie die vielen wartenden Menschen um sich herum nicht. Und alles woran sie denken kann ist ihre Zukunft: „Wenn ich wieder sehen kann, werde ich wieder Erbsen mit Erdnusssauce verkaufen.“

Selbst vor der Operation hat sie keine Angst. Und dann geht es auch schon los: Eine Spritze betäubt ihr Auge und der Arzt tauscht die trübe Linse gegen eine künstliche aus. Nach der Operation bekommt Marceline eine Augenklappe, um ihre Augen zu schützen. Am nächsten Tag wird kontrolliert, ob die Operation gelungen ist. Ungeduldig warten Marceline und Kaboré auf den Arzt. Endlich – mit einem kurzen Ruck entfernt er den Klebestreifen und klappt die Augenbinde nach oben. Es wird ganz hell um Marceline. Ihr Auge braucht etwas, um sich an das Licht zu gewöhnen. Der Arzt hält zwei Finger hoch. Zuerst sieht Marceline ganz konzentriert auf seine Hand – plötzlich beginnt sie zu lachen. Sie hebt zwei Finger und strahlt den Arzt an. 

Die Heimreise mit dem Bus kommt ihr viel kürzer vor als der angstvolle Hinweg. Ganz fasziniert sieht sie aus dem Fenster in die karge, trockene Landschaft. Wieder zu Hause umarmt sie überglücklich ihre Verwandten und Freunde. Und dann macht sich die energiegeladene Frau auf den Weg um Erdnüsse und Erbsen zu sammeln. Nicht eine wird sie mehr übersehen. Marceline ist zurück im Leben!