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Ein neues Leben beginnt

Seit drei Jahren kann der blinde Wengella Worede nicht mehr im Haus mithelfen.
Foto: Wengelas Frau Aliche nimmt ihrem Mann die Augenklappe ab. Credit: Ulrich Eigner

Umgeben von grünen Feldern und schmalen Trampelpfaden liegt Kemba, ein kleiner Ort im Hochland Äthiopiens. Am Dorfrand lebt Wengella Worede mit seiner Frau Aliche. Sie muss sich um den Haushalt, das Feld und die Kühe kümmern. Auch das Haus repariert Aliche selbst, wenn es nötig ist. Wengella sitzt daneben. Helfen kann er nicht. Er ist blind.

Seit drei Jahren plagt Wengella das schlechte Gewissen und ein bohrendes Gefühl der Nutzlosigkeit. Der aktive Bauer arbeitete gerne am Feld, säte und erntete den Mais, kümmerte sich um seine Kühe. Doch mit der Zeit wurden die grauen Flecken vor seinen Augen immer größer und dunkler. Wengella vereinsamt.

„Blind bin ich eine Belastung, keine Hilfe.“ - Wie kann er seine Frau nur unterstützen? Was tun gegen die Dunkelheit?

Wengella braucht dringend Hilfe, doch in der kleinen Gesundheitsstation im Dorf gibt es keinen Augenarzt. Und dasnächstgelegene Spital in Arba Minch ist 150 Kilometer von Kemba entfernt. Unerreichbar für den blinden Mann, denn die weite Busfahrt und die Behandlung kann er sich nicht leisten.

Ein augenmedizinischer Hilfseinsatz kommt

Was der 60-jährige Bauer jedoch zu dem Zeitpunkt nicht weiß: Das Krankenhaus plant einen mobilen Hilfseinsatz - in Kemba! Die wenigen Ärzte wissen, wie schwierig es für Menschen auf dem Land ist, medizinische Hilfe zu bekommen. Auch, dass die meisten ohne Chance auf eine Behandlung für immer blind und von ihren Familienmitgliedern abhängig bleiben.

Schließlich hört Aliche am Markt von dem Einsatz. Wengella jubelt vor Freude! Er setzt große Hoffnung in die Untersuchung. Auf einem Maulesel bringt ihn sein Sohn zur Gesundheitsstation.

Wengella nimmt neben den anderen blinden Patienten Platz. Die Taschenlampe vor seinem Auge sieht der Bauer nicht. Auch nicht, dass der Augenarzt ihn in einen kleinen Operationsraumführt, wo seine trübe Linse ausgetauscht werden soll. Trotz des kurzen Stichs der Nadel nimmt Wengella all seinen Mut zusammen. Und nach 15 Minuten ist es vorbei.

Das Licht ist zurück

Am nächsten Morgen tastet er sich zaghaft aus dem kleinen, stickigen Raum. Noch verdeckt ihm die Augenbinde die Sicht, trotzdem spürt er schon jetzt die Reflexionen der Sonne in seinen Augen. Als der Arzt den Verband wechselt, fängt Wengella an, herzhaft zu lachen. „Ich bin so glücklich, dass ich diese Operation machen konnte!“, freut er sich.

Wengella kann es kaum glauben, als er seine Frau Aliche wiedersieht. Neugierig lugt sie unter die Augenbinde und umarmt dann erleichtert und stolz ihren Mann.