„Diskriminierung hat uns behindert gemacht“

Gesicht des Monats März: Colin Allen
Foto von Colin Allen. Credit: LICHT FÜR DIE WELT

Unser Gesicht des Monats März gehört Colin Allen, seines Zeichens Muttersprachler der australischen Gebärdensprache. Colin ist Präsident der Weltvereinigung der Gehörlosen (WFD) und Vorsitzender der International Disability Alliance (IDA). Seit über 35 Jahren setzt er sich für die sprachlichen Rechte von Gehörlosen ein. Über unsere Projekte in Papua-Neuguinea sind wir mit Colin in Kontakt gekommen und haben ihn letzte Woche bei der Zero Project-Konferenz 2017 in Wien getroffen.

Was ist das Spannendste an deiner Arbeit?

Ich bin immer wieder in meinem Leben vor Barrieren gestanden. Deswegen will ich an grundlegenden Veränderungen mitwirken. Ich will Hindernisse aus dem Leben der Menschen entfernen. Das treibt mich an. Über Dinge wie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen kann ich überall auf der Welt Barrieren niederreißen und Unwissen ausräumen. Ich will, dass unsere Rechte gewahrt werden und wir gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können.

Wie hat sich die Einstellung der Gesellschaft gegenüber gehörlosen Menschen geändert, seit du dich damit befasst?

In den letzten paar Jahren haben mehrere Länder ihre nationalen Gebärdensprachen offiziell anerkannt und damit auf eine Stufe mit ihren gesprochenen Sprachen gestellt. Wenn so etwas geschieht, dann verschwinden Barrieren. Es bedeutet, dass Kinder über ihre eigene Sprache, eben Gebärdensprache, Zugang zu Bildung bekommen und dass Gebärdensprachen wissenschaftlich erforscht werden. Das nützt der ganzen Gesellschaft.

Gebärdensprachen anzuerkennen ist also die Voraussetzung für die Inklusion gehörloser Menschen?

Auf jeden Fall. Gehörlos geborene Kinder haben viel bessere Bildungserfolge, wenn sie in ihrer Gebärdensprache lernen. Das ist wissenschaftlich erwiesen, obwohl man Generationen lang das Gegenteil angenommen hat. Mit dem Ergebnis übrigens, dass ein ganz großer Teil aller Gehörlosen weltweit in der Schule nur Lautsprache gelernt hat. Für mich ist das ein Bruch des Rechts von Kindern auf eine ihnen gemäße Art, sich auszudrücken. Sehr viele gehörlose Kinder haben hörende Eltern. Und die entscheiden nach oft schlechter Beratung darüber, welche Sprache und welchen Bildungsweg ihr Kind mitbekommen wird, mit sehr bescheidenem Erfolg. Daher ist es für uns wirklich wertvoll, wenn der Staat und die Gesellschaft unsere Sprache offiziell anerkennen und uns damit gleichberechtigter Teil werden lassen.

Was wüscht du dir für die Zukunft der Behindertenrechtsbewegung?

Ich habe sehr große Wünsche. Ich will, dass die Welt versteht, dass Gebärdensprachen die Sprachen der gehörlosen Menschen sind. Das ist Nummer 1. Nummer 2 ist, dass wir barrierefreie Lebenswelten aufbauen. Derzeit sind viele Menschen noch verwirrt: gehörlose Menschen bezeichnen sich oft selber als Gebärdensprachen-SprecherInnen und nicht als Menschen mit Behinderung. Das hat natürlich einen guten Grund. In Wahrheit hat die negative Einstellung der Mehrheitsgesellschaft, die Diskriminierung, uns überhaupt erst behindert gemacht. Wer uns unsere Sprache nimmt, behindert uns. Wenn du in ein Land fährst, wo niemand eine Sprache spricht, die du verstehst, wirst du doch selbst behindert. Gleichberechtigung funktioniert nur dort, wo alle mitreden können. Da will ich hin.