Die Kraft, sich auf Lösungen zu konzentrieren

Licht für die Welt-Unterstützer und Rollstuhl-Tennisprofi Nico Langmann erzählt am Fifteen Seconds Festival, wie er sich auf die Lösungen in seinem Leben fokussiert und wohin ihn das gebracht hat.
Porträtfoto: Nico Langmann

„Ich werde euch heute nicht erzählen, wie ich es geschafft habe, darüber hinweg zu kommen, dass ich einen Rollstuhl benutze“, sagt Nico Langmann gestern, 6.Juni, auf der Bühne des Fifteen Seconds Festivals in Graz, „Weil das werde ich mein ganzes Leben lang. Und das ist ok für mich.“

Nico ist Tennis-Spieler,  22 Jahre alt und schaut ziemlich glücklich aus. Mit zwei Jahren hatte er einen Unfall, bei dem sein Rückenmark verletzt wurde. Seither ist er von der Hüfte abwärts gelähmt. In seinem Leben hat er dadurch so einiges an Barrieren und Herausforderungen erlebt. Aber Nico denkt, dass wir alle – egal ob mit und ohne Behinderung – im Leben oft nicht weiterkommen. Auf der Bühne in Graz erzählt er, wie sein Leben gerade aufgrund seiner Behinderung davon geprägt war, Lösungen zu finden, und nicht an den physischen, gesellschaftlichen und persönlichen Hindernissen zu scheitern.

Keine Reha- Therapie in Österreich

So wurde er etwa mit zwei Jahren von keinem Rehabilitationszentrum in Österreich aufgenommen, weil er zu klein war. Zitat eines Reha-Leiters: „Mit zwei Jahren gelähmt zu sein, ist nicht günstig. Da können wir nichts tun.“ Seine Eltern nahmen das nicht einfach hin, sondern krempelten ihr Leben um und zogen mit Nico nach Russland, wo es entsprechende Therapiemöglichkeiten gab. Während der achtmonatigen Therapie durfte er keinen Rollstuhl benutzen, um schon von klein auf zu lernen, so eigenständig wie möglich zu leben. Auch zu Hause wurde dieses Prinzip weiterverfolgt. „Bis ich zwölf Jahre alt war, brauchte meine Mama praktisch keinen Staubsauger, weil ich ständig über den ganzen Boden gefegt bin“, sagt Nico, „Dadurch habe ich gelernt, dass ich eine unabhängige Person bin, dass ich nicht an den Rollstuhl gekettet bin, sondern ihn nur als Instrument verwende. Als Kind habe ich keinen Unterschied zwischen mir und anderen Kindern gesehen. Wir hatten dieselben Träume, haben dieselben Dinge gespielt.“ Auch deshalb war es für Nico – der heute erfolgreicher paralympischer Rollstuhltennisspieler ist – ganz normal schon im jungen Alter zum Tennisschläger zu greifen und Matches mit seiner Familie zu spielen.

Erste Zweifel in der Schule: „Bin ich normal?“

Auch im Schulalter kam es zu Barrieren. Nicos Eltern wurde von einer Direktorin ein Platz in der Schule zugesagt, in die auch sein Bruder ging. Doch als der Tag näher rückte, hieß es dann: „Wir haben schon genug normale Kinder.“

„Das war ein entscheidender Moment für mich“, sagt Nico, „Es war das erste Mal, als ich realisiert habe, dass ich Dinge aufgrund meiner Behinderung nicht tun kann. Ich habe begonnen mich zu fragen: Bin ich nicht normal?“ Das eigentliche Problem für diese Exklusion liegt für Nico im mangelnden täglichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen. „Wenn man Informationen über Menschen mit Behinderungen bekommt, dann über die Medien – vor allem in meiner Kindheit wurde dort kein positives Bild von Behinderung gezeichnet.“, sagt er und wünscht sich, dass Menschen Behinderung auch mit Erfolg und Glück assoziieren, nicht nur mit Mitleid.

„Ich will nicht mehr gehen können“

Für viele ist die Pupertät eine prägende Zeit. Für Nico ganz besonders, denn er fasste einen Entschluss: Er wollte gar nicht mehr gehen können. Jahrelang war das für ihn und seine Eltern das größte Ziel. Jeden Tag trainierte Nico stundenlang darauf hin. „Für mich war das jedoch plötzlich ein klarer Gedanke. Denn, was wäre der Unterschied für mein Leben, wenn ich gehen könnte? Ich hätte genauso studiert, hätte die gleichen Freunde, würde Tennis spielen – wäre es wirklich besser?“ Vielmehr ließ Nico das Streben danach, gehen zu können, nur frustriert zurück. Denn: Er scheiterte jeden Tag, konnte trotz aller Anstrengung dennoch nicht gehen und seine Lähmung blieb unheilbar.

Eine Gesellschaft für alle schaffen

„Ich hatte Glück, in einem Land wie Österreich aufzuwachsen“, sagt Nico am Ende seines Talks, „80 Prozent der Menschen mit Behinderungen weltweit hingegen leben in Entwicklungsländern. Sie haben nicht die gleichen Chancen wie ich sie hatte. Aber wir können alle helfen, eine Gesellschaft für alle zu schaffen.“

Danke Nico für deine offenen Worte!